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Fernsehen / Kritik

Historische Betthupferl für Schlafgestörte
60 x Deutschland. 60-teilige Dokumentationsreihe (ARD/RBB)
ARD (RBB) montags bis freitags seit 2.3. gegen 0.20 Uhr
Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch an die Jahre erinnern, in denen im Ersten, oft ging die Uhr schon gegen Mitternacht, ein älterer Herr in Strickjacke auftrat, um einen mit der Lesung von mehr oder minder hochgeistigen Kurztexten aus Literatur und Philosophie zu beglücken. Der Mann hörte auf den Namen Hans-Joachim Kulenkampff, die Sendung hieß „Nachtgedanken“ und wurde von 1985 bis 1990 ausgestrahlt. Und wenn Kuli seine schmucke Kunstledermappe zuklappte, die Hornbrille von der Nase nahm, und sich mit „Gute Nacht!“ verabschiedete, war wirklich Schluss. Danach kamen lediglich noch Schrifttafeln mit dem Programm des folgenden Tages und schließlich das Testbild.

Seit dem 2. März serviert die ARD in ihrem Ersten Programm nun unter der Woche ein Betthupferl der etwas anderen Art. Anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung von BRD und DDR wird zu nächtlicher Stunde in jeweils 15-minütigen Bilderbögen die deutsche Nachkriegsgeschichte ab 1949 erzählt. Jede Folge behandelt ein Jahr. Nach der Dramaturgie der Jahresrückblicke lässt man in jeder Ausgabe die Ereignisse chronologisch Revue passieren. Hinzu kommen hie und da Zeitzeugen, die von ihren Erinnerungen an einzelne Ereignisse erzählen. Die Bilder der ersten Jahre stammen in den bisher ausgestrahlten Folgen vorwiegend aus den TV-Archiven sowie den „Wochenschauen“ in Ost und West. Inhaltlich dominieren in den Mini-Revuen zwar die politischen Ereignisse, aber auch der Alltag in beiden deutschen Staaten – gern in Form kurioser Vorkommnisse – nimmt breiten Raum ein.

Dabei offenbart sich allerdings ein grundsätzliches Problem solcher Chronologien in Gestalt ihres kalendarischen Zwangskorsetts. Neben ereignisreichen Jahren gibt es auch solche, in denen kaum etwas passierte, was wirklich der kollektiven Erinnerung wert wäre. Da behelfen sich die insgesamt sechs Autoren gelegentlich schon mal mit einem Blick über den deutschen Tellerrand. So gab es beispielsweise in der Folge über das Jahr 1953 Sequenzen von der Krönung von Elisabeth II. und der Erstbesteigung des Mount Everest zu sehen. Wohl beides keine Ereignisse, die für die deutsche Geschichte sonderlich prägend waren.

Produziert wurde das aufwändige, multimediale Projekt – neben einem Buch zur Reihe gibt es noch begleitende Sendungen in Hörfunk und ein umfangreiches Internet-Angebot – von der Firma Chronik TV im Auftrag mehrerer ARD-Sender, Phoenix und DW-TV, wobei die Federführung beim RBB lag. Präsentiert wird das Ganze von Sandra Maischberger, die zu Beginn jeder Folge aus der Kuppel des Berliner Reichstages einen Aufsager macht und zum Schluss einen Ausblick auf die folgende Episode gibt. Die zentrale Frage bleibt indes, wer sich das Ganze eigentlich wachen Auges anschauen soll. Die Erstausstrahlung findet jeweils im Anschluss an das ARD-„Nachtmagazin“ statt. Das kommt selten vor Mitternacht und hat zudem auch noch wechselnde Anfangszeiten. Netterweise haben die Macher an die Zuschauer im Halbschlaf gedacht und die Trenner zwischen den einzelnen Ereignissen jeweils mit einem Sound unterlegt, damit ihnen die letzten Unentwegten nicht auch noch wegdämmern. Dass die Folgen jeweils tags drauf im Vormittagsprogramm des Ersten wiederholt werden, dürfte für Arbeitnehmer allenfalls ein schwacher Trost sein.

20.08.10 - Reinhard Lüke/FK
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